Predigten

Allen, die nicht an unseren Gottesdiensten teilnehmen können, wollen oder dürfen, stellt Pfarrer Uwe Handschuch seine Predigten bis auf weiteres in schriftlicher Form als pdf-Datei zur Verfügung: pfarrer@dietzenbach-steinberg.de

Predigtreihe “Ansichten eine leidenden Gerechten” – Vier Werke von Hans Schmandt

Predigten vom 22. März bis 28. Juni 2020 zum Download


Predigtreihe “Ansichten eine leidenden Gerechten” – Vier Werke von Hans Schmandt

Satans Werk und Gottes Beitrag – Hiob 1,1-12

Hiobsbotschaften – Hiob 1,13-22

Hiobs Botschaft – Hiob 2,1-13

Gottes Werk und unser Beitrag – Das Kreuz Jesu Christ – Hebräer 12,1-3

(Die gesamte Predigtreihe als pdf zum Download)


Satans Werk und Gottes Beitrag – Hiob 1, 1-12

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten. Und seine Söhne gingen hin und machten ein Gastmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.
Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan mit ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: „Wo kommst du her?“ Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: „Ich habe die Erde hin und her durchzogen.“ Der HERR sprach zum Satan: „Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.“ Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!“ Der HERR sprach zum Satan: “Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.” Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.

Liebe Gemeinde,
ja, das war also eben der Beginn eines langen Buches, das mitten in unserer Bibel steht. Um genau zu sein: Das Buch Hiob ist das fünftlängste Buch des Alten Testaments und, weil die Bücher im Neuen Testament ja eher kürzer angebunden sind, ist es damit auch das fünftlängste Buch der ganzen Bibel. 42 Kapitel nimmt sich das Buch Zeit, und nicht nur wegen dieses Umfanges fällt es einem schwer, das Buch Hiob an einem Abend komplett zu lesen. Ich glaube, es ist auch und gerade sein Inhalt, der einem schwer im Magen liegen kann.
Denn hier geschieht etwas, was sonst kaum in unserer Welt vorkommt: Das Buch Hiob gibt nämlich dem Leiden eines Menschen fast unendlich viel Raum. Wo sonst gerne die Stimmen der Opfer übertönt werden, weil man solche Töne überhaupt nicht gerne hört; wo sonst der Leidende mundtot gemacht wird, weil er diejenigen, die jenseits des Leidens leben dürfen, an die unangenehme Wahrheit erinnert, dass das Leid auch sie treffen könnte; da darf sich in diesem Buch des Alten Testaments ein unschuldig Leidender aussprechen, ja, regelrecht „auskotzen“, da darf ein Mensch hemmungslos und unverschämt über sein Leiden und die Fragen, die dieses Leiden ihm stellt, sprechen.
Und deshalb liegt das Gewicht des Buches Buch Hiob auf dem Sprechen. 94 Prozent des ganzen Buches sind wörtliche Rede: Zum einen die fast stereotypen Entgegnungen der Freunde Hiobs, die ihm in seinem Leiden eine eigene Schuld nachweisen wollen, dann die teilweise heftigen Verteidigungsversuche Hiobs gegenüber solchen Unterstellungen, und auch seitenweise nicht minder harte Anfragen und Anklagen an Gott, der das Leiden über ihn gebracht hat. Und am Ende wird dann Hiob, der sein Leid so ausbreiten durfte und dessen Zweifel und Verzweiflung so viel Raum gegeben wurde, zweier Reden, einer Antwort Gottes gewürdigt.

Der unschuldig Leidende ist also im Buch Hiob wörtlich gefragt und er darf sich auch ausführlich im Wort äußern. Und doch, es kommt einem fast wie ein Missverständnis dieses wie ich finde großartigen wie eindrucksvollen Buches vor: Fast als wollte man im Nachhinein den ellenlangen Reden des Leidenden widersprechen, kommt die kulturelle Wirkungsgeschichte des Hiobbuches daher. Vom „Prolog im Himmel“ in Goethes Faust bis zum Roman „Hiob“ von Joseph Roth, von Heinrich Schütz über Georg Philipp Telemann bis Ralph Vaughn Williams: Multi-Kulturell scheinen nur die 6 Prozent des Hiobbuches von Interesse zu sein, welche die Reden rahmen: die Zwei Kapitel am Anfang und die zweite Hälfte des letzten Kapitels. So ist es ja auch bei den drei Holzschnitten von Hans Schmandt, die in diesem Jahr im Mittelpunkt unserer drei letzten Gottesdienste in der Passionszeit stehen sollen.
Allerdings, so finde ich, setzte Schmandt da auch deutlich andere und neue Akzente. Er malt, bzw. er „schneidet“ sozusagen den erzählerischen Rahmen auf dem Hintergrund der Reden des Hiobbuches und überbrückt damit gleich zwei Jahrhunderte: Denn inzwischen gehen die meisten Alttestamentler davon aus, dass die rahmende Hioberzählung kurz vor oder gleich nach Beginn des Babylonischen Exils der Juden, also zwischen 600 und 580 vor Christi Geburt entstanden sein muss, während die Hiobreden um 400 vor der Zeitenwende anzusetzen sind.
Das beide Teile nicht so wirklich zusammen passen, wird einem beim aufmerksamen Lesen deutlich: Die wohl 18 Reden stehen manchmal einfach nur nebeneinander, und ein Bezug der folgenden auf die vorausgehende Rede erschließt sich dem Leser nicht immer. Der Überlieferungsprozess dieser Reden muss ziemlich chaotisch gewesen sein. Ganz anders sieht es bei der Rahmenhandlung aus, wo alles perfekt literarisch ausgefeilt und redaktionell konstruiert ist. Kein Wunder also, dass die Rezipienten des Buches diese fast immer in den Vordergrund ihrer Arbeiten gestellt haben: Denn wenn schon das Leiden nicht in Ordnung geht, so soll es doch seine Ordnung haben.

Drei Szenen aus dem Rahmen des Hiobbuches hat also Hans Schmandt in seinen Holzschnitten ins Bild gesetzt. Und wenn Sie die drei Bilder nebeneinander schauen, dann wird Ihnen deren künstlerischer und gestalterischer Bezug zueinander ins Auge springen: von der Farbgebung bis dahin, dass Hiob immer die rechte Seite der Bilder füllt. Schmandt bebildert drei Szenen aus dem erzählerischen Rahmen des Hiob-Buches, drei Szenen von fünf möglichen. Wie gesagt, die Hioberzählung ist im Gegensatz zu den Reden, literarisch streng geordnet. Denn die fünf Szenen verbinden Symmetrien und Doppelungen, da werden Wiederholungen ganz bewusst eingesetzt oder vermieden. Und so beschreiben die fünf Szenen sozusagen auch ein geografisches Hin und Her, einen steten Wechsel der Lokalität nämlich: Die Szenen eins, drei und fünf spielen im Lande Uz, bei Hiob also, und die beiden Szenen dazwischen im himmlischen Thronsaal, bei Gott. Und ich finde, es spricht für sich, dass Hans Schmandts künstlerische Sympathie und Empathie offensichtlich dem galt, was sich auf Erden abspielt, auch wenn das, was im Himmel besprochen wird, das nur zu deutlich bedingen mag, was auf Erden geschieht.
Und mag auch zwischen den beiden Handlungsorten ein himmelweiter Unterschied liegen: Die Handlung selbst wird jeweils immer nur durch das Gespräch zweier Personen geprägt. Dabei ist alles sehr knapp gehalten. Erzählt wird immer nur, was nach außen geschieht und für einen Beobachter wahrnehmbar wäre. Was in den Handelnden vor sich geht, wird nicht ausdrücklich thematisiert, das bleibt dann der Phantasie und dem Einfühlungsvermögen der Leserinnen und Leser überlassen.
Und dazu gehört auch, dass das Hiobbuch sich von Beginn an von seinem literarischen Umfeld in der Bibel unterscheidet und sich von den anderen Büchern des Alten Testaments deutlich abhebt. Das macht schon der erste Satz klar: Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob.
Die ersten Leserinnen und Leser wussten damit sofort: Uz, das liegt gar nicht im Heiligen Land, das könnte irgendwo im Osten, im weiträumigen Grenzgebiet zwischen dem, was wir heute Jordanien und Saudi-Arabien nennen, liegen. Und der Mann, der da im Heidenland lebt, ist mit Sicherheit auch kein geborener Israelit. „Hiob“, so heißt im Alten Testament sonst kein Mensch. Und er trägt noch nicht einmal einen hebräischer Name. Ijob (אִיּוֹב ), so steht sein Name im hebräischen Original da, Martin Luther machte daraus dann „Hiob“, weil er wohl dem ersten Buchstaben des Namens, dem Alef (א) zu seinem buchstäblichen Recht verhelfen wollte. Denn natürlich ist Alef kein Vokal, schon gar nicht unser „a“, sondern wie alle ausgeschriebenen Buchstaben im hebräischen Alefbet ein Konsonant: Deshalb die Anhauchung „H“ vor dem jod (י). In katholischen Bibeln steht wie in der Septuaginta, der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, „Job“, das ist aber auf jeden Fall zu einsilbig für so einen beredten Menschen. Also nochmal korrekt: „Ijob“! Für babylonische Ohren klang bei diesem Namen eine Frage mit: Ejab – „Wo ist der Vater?“ Juden konnten so etwas wie Ojeb – „der von Gott Angefeindete“ heraushören. Im Koran steht dann ajjub, was so viel wie „Büßer“ bedeutet.
Auf jeden Fall klang dieser Name in allen Ohren fremd, und deshalb muss man vermuten, dass der Namensgeber und traurige „Held“ des fünftlängsten Buches der Bibel gar kein geborener Jude, sondern Heide war. Hiob ist also kein Angehöriger des von Gott erwählten Volkes, und trotzdem wird er uns von Beginn an als vorbildlich und seine Verehrung Gottes als beispielhaft vor Augen geführt – was für eine einmalige Provokation! Eine solche taucht dann erst Jahrhunderte später wieder in der Bibel auf, dann wenn Jesus seinen jüdischen Zeitgenossen den „Hauptmann von Kapernaum“ (Mt 8,10) oder die „kanaanäische Frau“ (Mt 15,20) als nachahmenswertes Beispiel vorstellt.
Also: der fremde Mann aus dem Osten, der Nichtjude ist Gottesverehrer par excellence, besser geht es nicht; und diesen Befund bestätigt dann sogar der Verehrte, das sagt Gott selbst in Szene zwei: Es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Übrigens wieder eine dieser kunstvolle Doppelungen.
Aber was ist das für ein Mensch, der fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend ist? Nun unser Wort „fromm“ kommt aus dem althochdeutschen und bezeichnet etwas, das „nützlich und vorteilhaft“ ist. In Luthers Bibelübesetzung von 1545 stand da für fromm und rechtschaffen noch „schlecht und recht“, wobei „schlecht“ damals noch soviel wie „schlicht“ bedeutete. Hiob ist also ein Mensch, der ohne großes Aufhebens um die eigene Person, der aufrichtig ohne jedes Taktieren seinen Glauben an Gott ernst nimmt, und dessen Lebensweise durch eine gewisse Vorsicht vor den Graubereichen menschlichen Handelns geprägt ist: er vermeidet, dem Willen Gottes zu widersprechen und dem Leben zu schaden, das doch aus Gottes Hand kommt.
Und diese Gottesverehrung und Hochschätzung des Lebens wird dann auch in Szene 1 sofort deutlich gemacht: Denn Hiobs zehn Kinder, sieben Söhne und drei Töchter, stehen nicht nur an erster Stelle bei der Aufzählung seines märchenhaften Reichtums, sie bestimmen auch sein religiöses Denken und Handeln.

Ja, Hiob wäre nach unseren heutigen Begriffen ein Milliardär gewesen. Siebentausend Schafe sprechen von seiner herausragenden nomadischen Existenz, dreitausend Kamele von globalen Handelsbeziehungen, fünfhundert Joch Rinder von einem Landbesitz, der das 500-fache dessen übersteigt, was an einem Tage gepflügt werden kann, inklusive der 500 Sklaven, welche die tausend Rinder zu führen hatten; und die fünfhundert Eselinnen (die Eselin war damals übrigens dreimal teurer als ein Esel!) stehen für ein riesiges Transport-Unternehmen für Menschen wie für Lasten.
Und als ob das nicht ausreichte: Die sieben Söhne sind auch noch so wohlgeraten, dass sie sich gegenseitig und auch ihre drei wohl nach auswärts verheirateten Schwestern regelmäßig zu großen Feiern einladen: Offenbar hat jeder Sohn sein eigenes Haus und auch noch überaus herzliche Gemeinschaft mit seinen neun Geschwistern. Herz, was willst du mehr?! Aber das Herz Hiobs ist voller Fürsorge: Fürsorglich wie vorsorglich bringt er Gott für jedes seiner Kinder ein Opfer. Genau diese Szene sehen wir auf dem ersten Holzschnitt von Hans Schmandt. Den Blick nach oben gerichtet hütet er das Feuer wie seinen Augapfel. Hiob opfert wie gesagt fürsorglich wie vorsorglich: Man weiß ja nie, ob eine feucht-fröhliche Feier dafür gesorgt haben könnte, dass bei seinen Kindern Gott ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Aber Hiob opfert, ohne es seinen Kinder zu sagen. Hiob stellt seine Frömmigkeit nicht zur Schau, er ist im Hintergrund für seine Kinder da. Hiob ist eben das, was von ihm erzählt wird: Er ist fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

Doch mit einem Mal ändern sich radikal Ort und Personal der Erzählung. Wir finden uns wieder im himmlischen Thronsaal, bei dessen Schilderung offenbar die orientalischen Königshöfe Pate standen. Das ist kein Ort für jeden, nur die „Söhne Gottes“, wohl irgendwelche himmlischen Wesen, haben Zugang zu Gott. Man wollte sich damals wohl den einen und einzigen Gott nicht als einsamen Herrscher im Himmel vorstellen, der wenn überhaupt, nur Selbstgespräche führt. Nein, Gott thront zwar nicht unter Seines-gleichen aber unter Seines-ähnlichen in seinem Thronsaal, und damit wird seine Macht wunderbar plastisch deutlich und augenfällig. Und mitten unter allen Himmlischen, als offenbar selbstverständliches Mitglied der himmlischen Ratsversammlung: der Satan. „Der“ Satan, mit Artikel wohlgermerkt, und darum kein Name, sondern noch eine Funktionsbezeichnung, so wie „der Müller“ als „Müller“ noch kein Nachname war.Für gewöhnlich, an 25 von 27 Stellen,an denen das Wort „Satan“ im Alten Testament vorkommt, wird so ein politischer Gegner, potentieller Überläufer oder falscher Ratgeber genannt. Hier im himmlischen Thronsaal ist der Satan offenbar ein Quertreiber von Gottes Gnaden; einer, der sich auf Erden rumtreibt und den Menschen mit Misstrauen begegnet, sie vor Gott anschwärzen will.
Im griechischen steht für satán διάβολος, und das heißt so viel wie „Durcheinander- und Auseinanderbringer“. Offenbar soll der Satan das Verhältnis Gottes zu seinen Lieblingsgeschöpfen in Frage stellen. Aber er hat doch keine wirkliche Macht, schon gar nicht das Alleinstellungsmerkmal einer Art Gegengottheit, die hat man ihm erst viel später angedichtet. Der Satan muss hier ja sogar Rechenschaft vor seinem Chef, vor Gott ablegen, über das nämlich, was er in der jüngsten Vergangenheit so alles getan und gelassen hat. Und der Satan outet sich hier als zielgerichteter Erforscher des Irdischen und auch als notorischer Menschenfeind.
Gott dagegen ist ein Freund der Menschen, er scheint sogar mit einem gewissen Schöpferstolz über das ihm besonders gelungene Exemplar Hiob zu sprechen. Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt! (EG 358,1) Aber als wäre dem Schöpfer des Himmels und der Erde auch das Allzumenschliche nicht fremd, will Gott dem Satan beweisen, wie sehr der mit seiner Einschätzung Hiobs auf dem Holzweg ist, als er höhnisch behauptet, die Frömmigkeit Hiobs sei gar kein Wunder, schließlich würde sich dessen Glaube doch in einem schier unglaublichen Wohlstand auszahlen.
Und der Satan stellt damit die fundamentale Frage jeder Religion: „Aus welchen Motiven heraus glaubst du?“ Und er liegt mit seiner messerscharfen Analyse des menschlichen Glaubens wohl gar nicht soweit daneben. Wir Menschen wollen doch alle einen Gott haben, der es uns gut gehen lässt, der uns schützt und unserem Leben Erfolg verspricht. Aber was ist, wenn Wohlstand, Schutz und Erfolg ausbleiben?

Liebe Gemeinde,
vielleicht nehmen wir alle diese satanische Frage in diesen “satanischen Versen” aus dem Buch Hiob so wie unsere Postkarte mit nach Hause: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!
„Aus welchen Motiven heraus glaubst denn du?“ Ist der Gläubige nicht doch in Wahrheit ein unsicherer Kantonist, der Fahnenflucht begeht, wenn es dann wirklich ernst wird? Wenn mein Glaube sich auf den ersten wie den zweiten Blick nicht mehr lohnt, wenn meine Frömmigkeit sich nicht mehr auszahlt; wenn mich Glaube und Frömmigkeit im Gegenteil sogar etwas kosten? Was dann? Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin. (EG 362,4) Wer kann denn so fahr-lässig sprechen und singen? Wer kann so leben und glauben?
Nun, Gott ist sich sicher, sein Hiob kann das. Und deshalb geht er auf das infame Angebot des Satans ein: „Top, die Wette gilt.“ Aber für einen ist das kein Spiel: für Hiob. Gott überlässt sein Beweismittel dem Satan als Spielball. Gott begegnet damit seinem menschlichen Freund wie der aller schlimmste Feind. Gott lässt dem Satan freie Hand, und bleibt doch noch Herr der Lage: Alles, was Hiob hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Gott leistet damit seinen Beitrag zu Satans Werk und wird damit zumindest in meinen Augen ein fragwürdiger Gott. Aber das ist dann eine andere Szene, das ist ein anderes Bild. Nur eins ist sicher: „Fortsetzung folgt“. Amen.


Hiobsbotschaften – Hiob 1, 13-22

Eines Tages aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, kam ein Bote zu Hiob und sprach: „Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: „Feuer Gottes fiel vom Himmel und verbrannte Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ Als der noch redete, kam einer und sprach: „Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ Als der noch redete, kam einer und sprach: „Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ – In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Liebe Gemeinde,
aller guten Dinge sind drei, so sagt es uns ein altes germanisches Sprichwort, das sich auf die damaligen Gerichtsverhandlungen bezieht, zu denen der Angeklagte dreimal zu laden war, bevor er dann in Abwesenheit verurteilt werden konnte. Aller guten Dingen sind drei, denn das ist gerecht und wird den Menschen gerecht. Aber aller schrecklichen Nachrichten sind offenbar vier; so lehrt es uns heute Morgen die dritte der fünf Szenen am Beginn des Buches Hiob. In diesen fünf Szenen wechseln sich ja die Schauplätze ab: Szene 1 – Erde – 2-Himmel – 3-Erde – 4-Himmel – 5-Erde. Wir sind heute also – nach dem Blick ins Land Uz und unserem Ausflug in den himmlischen Thronsaal am letzten Sonntag – wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet; und es gehört zu diesen irdisch-bodenständigen Tatsachen dazu, dass sie manchmal bodenlos sein können, weil sie uns den Boden unter den Füßen wegziehen.
Wer das Hiobbuch kennt, wer am vergangenen Sonntag hier war, der weiß, dass diese irdische Bodenlosigkeit unmittelbar mit dem zu tun hat, was im Himmel geschehen ist. Wir durften vor sieben Tagen ja Zeuge werden, wie in der himmlischen Ratsversammlung der Satan (ich erinnere daran: mit Artikel, „der“ Satan, weshalb das auch kein Name einer Art Gegengottheit ist, sondern einen Funktionsträger bezeichnet, der in der himmlischen Hierarchie deutlich unter Gott steht!); wir wurden Zeuge, wie der Satan vor Gott tritt und seinen Chef herausfordert: Wohl kein Duell unter ihresgleichen, aber sicher eine Auseinandersetzung über den Kopf Hiobs hinweg. Der soll ja für die beiden als Beweismittel ihrer jeweiligen Theorien über den menschlichen Glauben herhalten.
Gott ist der Überzeugung: Sein Geschöpf Hiob, jener sagenhaft reiche Heide aus dem Lande Uz, das weit weg vom Heiligen Land im Osten liegt, „sein“ Hiob ist das Paradebeispiel eines frommen Gottesverehrers: Denn Hiob zeigt Haltung, die richtige Haltung gegenüber Gott. Er ist „schlicht und recht“, bleibt bei Gott und nährt sich redlich, ist bescheiden und nimmt aufrichtig, ohne jegliches Taktieren seinen Glauben an Gott ernst. Und er nimmt sich auch noch vor den Graubereichen menschlichen Handelns in Acht, überall da, wo man vielleicht Gottes Willen aus Versehen widersprechen oder unabsichtlich dem Leben, das doch aus Gottes Hand kommt, schaden könnte.
Auch der Satan geriert sich seinerseits als echter Menschenkenner: „Hiob, der hat doch leicht glauben. Er hat doch alles, was ein Menschenherz begehren kann, und sogar noch viel mehr, als er wirklich braucht: Zehn wohlgeratene Söhne und Töchter, siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, tausend Rinder und fünfhundert Eselinnen und dementsprechend viel Personal. Für einen solchen altorientalischen Multimilliardär ist das Leben doch ein Klacks! Daran zu glauben, dass dieser sagenhafte Wohlstand aus Gottes Hand stammt, ist nur ein kleiner Schritt. Und an der Hand festzuhalten, die einen so großzügig füttert, ist nur eine Selbstverständlichkeit und reiner Eigennutz. Was ist aber, wenn Wohlstandsevangelium und erfolgszentrierter Glaube sich einmal als trügerisch erweisen und Hiob plötzlich nichts mehr in den Händen hat, wofür er Gott danken könnte? Top, lieber Gott, die Wette gilt! Ohne die Güter wird sein Glaube mit Sicherheit seine Güte verlieren.“

Nun gehört es offenbar zur Aufgabenbeschreibung dieses himmlischen Quertreibers, Gott herauszufordern und in solche Fragen zu stellen: das ist wohl nötig für die göttliche Selbstreflexion. Und es ist andererseits Gottes Ding, seine Geschöpfe in- und auswendig zu kennen, auch über deren innerste Beweggründe Bescheid zu wissen und damit auch über deren Glaubensstärke umfassend informiert zu sein. Und deshalb muss ich mich fragen: Welcher Teufel hat Gott da geritten, dass er mit dem Satan eine solch infam-mafiöse Abmachung eingeht. Der Satan macht ihm „ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann“.
Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Mit diesen Worten entlässt Gott den Satan. Und der Satan geht aus und sucht das Leid Hiobs.
Aller guten Dinge sind drei, aber aller schrecklichen Nachrichten sind vier, eine hier mit Sicherheit ganz bewusst gewählte Zahl, denn „vier“ ist ja die Zahl der irdischen Vollständigkeit: Vier Elemente sind die Bausteine des irdischen Lebens, aus vier Paradiesflüssen wird die Erde bewässert, vier Winde wehen zu vier Jahreszeiten aus vier Himmelsrichtungen über den Erdkreis. Also: Die vier Schläge, die Hiob nun treffen, sind in ihrer Vollständigkeit nicht zu überbieten und erschüttern seine ganze Welt.
Und es geht ja wirklich Schlag auf Schlag. Achten Sie mal auf die Erzähltechnik in unserem Text: Die Katastrophen werden da nicht einzeln von einem allwissenden Erzähler zu dem Zeitpunkt geschildert, als sie gerade geschehen; dann bliebe ja noch ein Fünkchen Hoffnung, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm kommen wird. Nein, hier kommen die einzig überlebenden Zeugen der Katastrophen zu Wort und stehen quasi vor Hiob Schlange.
Denn noch bevor der eine Bote seine böse Botschaft beenden kann, steht schon der nächste auf der Matte, um seinerseits noch eins drauf zu setzen. Die Schläge überschlagen sich buchstäblich. Und die Unglücke, die Hiob erleben muss, finden in spiegelbildlich umgekehrter Reihenfolge der ersten Szene statt, wo die Elemente seines Glückes geschildert wurden: Da ging es auf der Wichtigkeits-Skala deutlich nach unten: erst Kinder, dann Schafe, Kamele, Rinder und Eselinnen. Bei den Katastrophen wird es aber immer schlimmer: erstens Rinder und Eselinnen, zweitens Schafe, drittens Kamele – und zwar immer im Doppelschlag, weil ja auch die dazugehörenden Knechte zu allem Übel noch erschlagen werden. Und dann der Gipfel, als Hiobs Kinder mit einem Schlag sterben.
Und als Kunstgriff meisterlich-erzählerischer Hand wechseln sich die Ursachen der Katastrophen ab, es pendelt in grausamer Logik zwischen menschlicher und natürlicher Herkunft des Unheils: Rinder und Eselinnen werden von den Sabäern geraubt, die Schafe trifft der Blitz, die Kamele werden von Chaldäern entführt und ein Fallwind lässt das Haus über Hiobs Kindern einstürzen. Was Hiob und die Hiobsbotschafter aber offenbar nicht wissen: Die wahren Verursacher der Katastrophen sind weder böse Menschen noch blinde Naturgewalten, sondern der Satan. Der bleibt aber bei allem in seinem teuflischen Tun verborgen, da sind wir Leserinnen und Hörer mit unserem Spezialwissen allen überlegen. Und das ist auch in dem Erzählduktus ganz wichtig. Denn es geht ja nicht um das Verhältnis Hiobs zu einer niederen bis niederträchtigen „himmlischen“ Macht, sondern es geht um seinen Glauben an Gott.
Nun, die Schnelligkeit, mit der die vier Katastrophennachrichten über ihn hereinbrechen, lässt ihm zunächst gar keine Zeit alles zu erfassen, nachzudenken und angemessen darauf zu reagieren. Hans Schmandt hat diesen unendlich langen Moment kongenial in Holz geschnitten: Wehrlos, mit erhobenen Händen als würde er sich ergeben, prasseln die Katastrophenmeldungen auf Hiob ein. Zwei Boten kommen – dicht beieinander – mit ihren Botschaften nacheinander auf ihn zugelaufen; und wir wissen: Das war längst noch nicht alles, da kommt noch was nach und auf Hiob zu: Schlag auf Schlag, wie gesagt. Und bei Leser und Hörerin, wie bei allen Betrachtenden steigt damit die Spannung. Wir fragen uns, sozusagen Seite an Seite mit dem Satan und Gott: „Wie wird Hiob wohl reagieren?“

Mit Hiobs Reaktion kommt dann erstmals eine gewisse Langsamkeit in die Szene: Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach. Die Hiobsbotschaften waren ja etwas, das er mit Verstand und Herz begreifen sollte. Aber auf die Schreckensnachrichten reagiert Hiob zuerst körperlich und ganz auf der Linie damaliger Trauerriten. Und er tut das – vergleichsweise bedächtig – in fünf Schritten:

Weil Hiob etwas ausstehen muss, steht er zuerst einmal auf. Das bedeutet umgekehrt, dass er die Hiobsbotschaften, so wie das auch Hans Schmandt dargestellt hat, im Sitzen erhalten hat. Sitzen – das gehört sich eben für einen Herren seines Standes auf Erden, so wie es auch bei Gott in der himmlischen Ratsversammlung Sitte ist. Die Tradition will es ja, dass paradoxerweise Höher-Stehende sitzen. Vom Altertum bis in die Neuzeit hinein war das so: Jesus setzte sich vor seiner Bergpredigt natürlich erst einmal hin; das „Katheder“ der Lehrer und Professoren ist wörtlich übersetzt ein Stuhl (daher auch der „Lehrstuhl“). Es ist auch zu vermuten, dass sich ein „Predigstuhl“ nicht nur über Bad Reichenhall befindet, sondern sich auch auf so mancher Kanzel über den Köpfen der stehenden Gottesdienstgemeinde befunden haben dürfte. Und dass weltliche wie geistliche Herrscher im Sitzen thronen, ist ja bis heute so: Welche Infamie, wenn Putin im Kreml an seinem Schreibtisch sitzt und den Stab über die Ukraine bricht! Kann er noch nicht einmal dazu stehen?
Wenn Hiob aber nun aufsteht, verändert er seinen Status; er verringert ihn nämlich, so wie zum Beispiel der Vater in Gleichnis Jesu, der seinem verloren geglaubten Sohn entgegenläuft; das macht kein Großbauer, höchstens ein wie verrückt liebender Vater.
Mit seinem Aufstehen leitet Hiob eine Reihe weiterer Verhaltensweisen ein, die im Alten Orient für den Fall eines Trauerfalles vorgesehen waren. Die Forschung hat dafür sogar ein eigenes Wort gefunden: „Selbstminderungsriten“. Das Unglück des Todes „mindert“ ja die Qualität des Lebens, und das wird dann auch nach außen hin deutlich gemacht: Den gut situierten Herren haut es also erst einmal vom Stuhl und dann folgt Reaktion Nummer zwei:
Hiob zerreißt sein Gewand, als wollte er deutlich machen, dass die schrecklichen Nachrichten zum Herzzerreißen sind. Und natürlich dient dieser Gestus auch dem Abreagieren: Denn ein vermutlich hochwertiges Gewand zerreißt sich nicht so schnell und mühelos. Verzweiflung, Unverständnis, Wut – Hiob reißt es hin.
Drittens lässt er sich dann seinen Kopf kahl scheren. Was bei jungen und nicht mehr ganz so jungen Männern in unseren Tagen nicht mehr die Mitgliedschaft bei den Skinheads andeutet, sondern wohl die natürliche wie vorauseilende Vorbeugung gegen genetisch bedingten Haarausfall ist, war in biblischen Zeiten ein „NoGo“. Der Prophet Elisa wurde von zweiundvierzig Knaben wegen seins Kahlkopfes bösartig verspottet (was die dann „selbstverständlich“ büßen mussten – 2. Könige 2,23f), Simson ist ohne seine Haare saft- und kraftlos, und bei Jesaja ist die Glatze eines der Zeichen für das Gericht Gottes über sein ungehorsames Volk (Jes 3,24).
Wenn sich also ein altorientalischer Schönling, der so viel Mühe für die Pflege seines Haupthaares verwendet und es stundenlang mit Ölen und Duftwässern pflegt, die Haare schert, dann ist das wirklich zeichenhaft. Das sagt seiner Umwelt: „Ich nehme nicht mehr am Leben teil, mir ist alles egal; wenn überhaupt, wird es Zeit brauchen, bis ich wieder dabei sein werde, denn so schnell wachsen Haare nicht nach.“
Hiobs vierte Reaktion auf die Hiobsbotschaften betrifft dann den ganzen Körper. Der vom Sitzen Aufgestandene fällt nun zu Boden, lässt sich niederfallen. Aber das ist kein körperlicher Zusammenbruch, wie wir vielleicht vermuten würden. Im Gegenteil: Hiob nimmt damit nämlich Haltung an. Um es genauer zu sagen nimmt er sogar die „Huldigungshaltung“ an. So wie bis auf den heutigen Tag Muslime beim Beten in der Moschee immer wieder ihren Kopf tiefer als den Rest des Körper halten, so huldigt auch der biblische Beter damit Gott, macht sich kleiner und geringer, um gleichzeitig damit die Größe Gottes anzuerkennen und Gott die Ehre zu geben.
Und mit dieser Haltung kommt als fünfter Schritt zum ersten Mal ein gesprochenes Wort über die Lippen Hiobs. Endlich! Denn was in der Erzählzeit eine Sache von Sekunden ist, ist in der erzählten Zeit wohl eher eine Frage von Stunden. Und nun wird es poetisch: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Mit diesem Wort erweist sich Hiob nicht nur als frommer sondern auch als weiser Mann, was für die Bibel aber keinen wirklichen Unterschied macht. Hiob steht bzw. liegt mit seinem Wort in einer Linie mit dem Prediger Salomo: Wie einer nackt von seiner Mutter Leib gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und nichts behält er von seiner Arbeit, das er mit sich nähme. (Prediger 5,14) Und auch der Apostel Paulus schreibt im ersten Timotheusbrief wie Hiob spricht: Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum können wir auch nichts hinausbringen. (1. Tim 6,7)
Mit dieser Reaktion Hiobs auf die vier Hiobsbotschaften will uns der Erzähler deutlich machen, wie er das, was Hiob hatte und nun verloren hat, verstanden wissen will: Es sind eben Gaben und Geschenke Gottes gewesen – und da gibt es für ihn höchstens graduelle Unterschiede zwischen Kamelen und Kindern. Bitte ereifern wir uns da aber nicht zu vorschnell, vor solcher Verdinglichung und Versachlichung von Menschen durch unsere Altvorderen. Wir nennen Menschen ja auch durchaus wohlmeinend „Angehörige“ als gehörten sie uns wie unsere Briefmarkensammlung. Und wenn unsere Nachrichten inzwischen eher mit den hohen Preisen von Benzin und Butter beginnen und erst dann von den Opfern des Krieges berichtet wird, während die Zahl der Coronatoten gar nicht mehr Erwähnung findet, dann sagt das auch etwas über unsere Maßstäbe aus.
Ich glaube, die Menschen vor zweieinhalbtausend Jahren waren auch nicht emotionsloser als wir. Und wenn uns die schreckliche Geschichte von der Beinahe-Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham etwas lehrt, dann doch, dass Gott letztlich solche Opfer nicht will.
Die Weisheit Hiobs ist aber dennoch schlüssig: Wir kommen alle kinderlos und ohne Herden auf die Welt, und wir können weder das eine noch das andere mitnehmen, wenn wir aus der Welt gehen. Juristisch gesprochen: Rinder und Eselinnen, Schafe, Kamele und seine Kinder mögen zu Hiobs Besitz gehören, sie sind aber nicht sein Eigentum. Alles, was lebt, ist doch vom Schöpfer geschaffen, und deshalb kann es auch keinem Menschen wirklich zu eigen werden, selbst wenn ihm Gott die Verfügungsgewalt darüber erteilt haben sollte und es ihm wie zu ihm gehört. Es ist diese kaum zu widerlegende Logik, mit der Gott am Ende des Hiobbuches den Titelhelden mit vierzehntausend Schafen, sechstausend Kamelen, tausend Joch Rindern und tausend Eselinnen mehr als entschädigt; nur bei den neugeborenen sieben Söhnen und drei Töchtern bleibt es – es gibt offenbar auch ein Zuviel des Guten…

Ja, Hiob trauert, aber er klagt nicht; noch nicht. Hiob ahnt: Gerade im Leid Gott zu verlassen, ist die größte Torheit. Hiob macht Gott keine Vorwürfe und stellt nicht die Warum-Frage. Er reagiert als frommer Weiser, der die Zusammenhänge durchschaut: Wir stehen vor Gott – trotz all unseres Besitzes – in Wahrheit nackt und bloß da. So wie wir ins Leben gekommen sind, so werden wir eines Tages aus dem Leben gehen. Vielleicht ist das ja auch der tiefe Grund dafür, dass wir, wenn wir uns einmal im Jahr an den Geburtstag eines anderen Menschen erinnern lassen, uns bemüßigt fühlen, ihm etwas zu schenken, damit er sich gerade am persönlichen Feiertag des Lebens seiner prinzipiellen Nacktheit vor Gott nicht allzu sehr bewusst sein muss.
Alles, was wir in unserem Leben zu haben glauben, ist ein Geschenk aus Gottes Hand. Und alles was wir weggeben zu müssen meinen, geht dann doch nur zurück in die Hand dessen, der es uns einmal gegeben hat. Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat`s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt.
Und so lautet der Beschluss: In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott. Hier kommt der Erzähler ganz deutlich zu Wort. Er wertet das Wort des Hiob und bewertet sein Verhalten. Und weil er damit dem Urteil Gottes vorgreift, stellt der Erzähler sich zumindest auf Augenhöhe mit ihm. Das darf aber eigentlich sein, und vielleicht ist das, gerade in diesem Zusammenhang ein deutlicher Hinweis darauf, dass er seine Erzählung als Erzählung verstanden wissen will und nicht als Schilderung eines realen Geschehens: Einen Superreichen im Lande Uz, der an den Gott Israels glaubt, werden seine Leserinnen und Leser genausowenig finden wie einen Thronsaal über den Wolken, in dem es zugeht wie in einem Wettbüro.
Es geht beispielhaft um einen Menschen und wie der zu seinem Leid steht und sein Leid versteht: Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat`s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt. Sie merken es! Da ist kein Wort vom Satan, der spielt in all dem Geben und Nehmen keine Rolle. Im Glauben Hiobs steht Gott im Zentrum, für den Satan ist da kein Platz.
Hiob hat also die infame Probe bestanden. Der Satan hat Hiob offenbar unterschätzt. Und damit gewinnt auch Gott auf der ganzen Linie, er ist der bessere Menschenkenner. Aber der Satan wäre nicht der Durcheinanderbringer und Quertreiber von Gottes Gnaden, Satan wäre nicht der erklärte Menschenfeind, wenn er sich jetzt als guter Verlierer zeigen würde. Er kann Hiob einfach nicht gut dastehen lassen. Und so nimmt der zweite Teil der Tragödie seinen Lauf. Aber das ist dann die vierte Szene, das dritte Bild, der nächste Sonntag, und es wird auch da nicht enden: Fortsetzung folgt. Amen.


Hiobs Botschaft – Hiob 2, 1-13

Liebe Gemeinde, was sich bisher begeben hat: Das Hiobbuch ist eines der längsten Bücher der Bibel. Es besteht literarisch aus zwei Teilen: einer vom Umfang her übermächtigen Komposition aus Reden und Gegenreden Hiobs, seiner Freunde und Gottes von Kapitel 3 bis Kapitel 41; und einer auswirkungsmächtigen aber kurzen Rahmenerzählung. Beide Teile sind zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Autoren geschrieben und von einer Art Redaktionsteam zum jetzigen Buch zusammengestellt worden.
Uns beschäftigt in diesen Wochen, so wie den Dietzenbacher Künstler Hans Schmandt mit seinen drei Holzschnitten vor knapp 50 Jahren (1973), nur der erzählerische Rahmen. In Kapitel 1 und 2 wird in fünf Szenen, die abwechselnd auf Erden und im Himmel spielen, die Geschichte Hiobs erzählt. Szene 1: Der steinreiche Hiob lebt im Lande Uz, östlich von Israel, ist also geborener Heide aber beispielhaft fromm. Szene 2: In der himmlischen Ratsversammlung diskutiert der Satan mit Gott und behauptet, der in Glaubensangelegenheiten so vorbildliche Hiob sei nur deshalb so fromm, weil sich sein Glaube so deutlich auszahle. Gott verneint das und lässt dem Satan freie Hand, die Probe aufs Exempel zu machen. Szene 3: Vier sprichwörtlich gewordene Hiobsbotschaften erreichen Hiob. Er verliert seinen Besitz, sein Personal und seine zehn erwachsenen Kinder, mal aufgrund bösartiger Menschen, mal aufgrund von Naturkatastrophen. Doch Hiob hält an Gott und an seinem Glauben fest: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!
Hiob hat also bestanden, und Gott hat sich gegenüber dem Satan in seiner besseren Menschenkenntnis bewiesen. Aber der Satan hat noch nicht genug. Ich lese die Szenen vier und fünf: Hiob 2, 1-13.

Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan mit ihnen kam und vor den HERRN trat. Da sprach der HERR zu dem Satan: „Wo kommst du her?“ Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: „Ich habe die Erde hin und her durchzogen.“ Der HERR sprach zu dem Satan: „Hast du acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben.“ Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: „Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!“ Der HERR sprach zu dem Satan: „Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!“ Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche. Und seine Frau sprach zu ihm: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!“ Er aber sprach zu ihr: „Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.“
Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

Liebe Gemeinde,
„Scherben bringen Glück“, dies Sprichwort mag zwar für abergläubische Zeitgenossen stimmen, wenn sie vor dem Scherbenhaufen an einem Polterabend stehen. Wer aber in seinem Leben jenseits der Polterabende im Umfeld von Hoch-Zeiten am Tiefpunkt seines Lebens vor einem Scherbenhaufen steht und hinter den Scherben nur noch das sieht, was einstmals unversehrt, vollständig und funktionstüchtig war, der leidet nicht nur darunter, dass zum Beispiel eine Tasse in seinem Schrank fehlt, sondern auch, dass das alles nicht mehr zusammenzusetzen und wiederherzustellen ist und deshalb endgültig zur Vergangenheit gehört.
Hiob steht aber offenbar nicht nur vor einem Scherbenhaufen, er sitzt sogar auf einem. Einen Ort, an dem, wie aus dem Text hervorgeht, Asche und Scherben vorhanden sind, einen solchen Ort gab es wohl damals überall im alten Orient. In einer Kultur, in der extrem nachhaltig gelebt wurde – denn alles, was man hatte, wurde verwertet und wiederverwertet – gab es kaum ein Müllproblem, schon gar nicht eines in unserem neuzeitlichen Ausmaß.
Papier für die blaue Tonne war noch nicht erfunden, ebensowenig Plastikteile mit einem grünem Punkt; und der Inhalt unserer braunen Tonnen wurde gegessen, bevor er dort hätte landen können. Bleibt also nur der „Restmüll“ und der bestand damals zum einen aus dem, was bei uns gerade nicht in die schwarze Tonne darf, nämlich aus heißer Asche, und zum anderen aus Scherben von tönernen Haushalts- und Landwirtschaftsgegenständen, die nicht mehr gerettet oder ihrem ursprünglich zugedachten Zweck entfremdet werden konnten.
Und weil auch damals heiße Asche nicht in die Nähe von brandgefährdeten Häusern gehörte, und weil nicht nur der unfreiwillige Kontakt mit Glas- sondern auch der mit Tonscherben recht schmerzhaft sein konnte, legte man vor den Toren quasi jeder menschlichen Ansiedlung einen Asche- und Scherbenhaufen an. Und auch was an Organischem nun gar nicht mehr zu verwerten war und weder Ratten noch wilde Tiere anlocken sollte, wurde auf diesem Haufen verbrannt. So wuchsen die Scherben- und Aschehaufen im Laufe der Jahrhunderte manchmal zu beachtlicher Größe heran; manch solitärer Hügel, den man noch heute vor einem orientalischen Dorf sieht, dürfte da seinen Ursprung haben; ein Abfallhaufen, der mittlerweile zur Fundgrube zeitgenössischer Archäologen mutiert ist.
Und auch eine gewisse religiöse Funktion ist an dieser Stelle ebenfalls zu vermuten. 3. Mose 6,3-4: Der Priester soll sein leinenes Gewand anziehen und die leinenen Beinkleider für seine Blöße und soll die Asche wegnehmen, die das Feuer des Brandopfers auf dem Altar gemacht hat, und soll sie neben den Altar schütten und soll danach seine Kleider ausziehen und andere Kleider anziehen und die Asche hinaustragen aus dem Lager an eine reine Stätte.
Dort also sitzt Hiob, draußen vor dem Tor, in den nicht mehr gebrauchten Überresten derer, die es sich hinter dem Tor gut gehen lassen, er lagert sich zwischen zerdeppertem Geschirr und verbrannten Nahrungsresten, bei dem, was vom Opfer übrigblieb.
Wie vielsagend ist das denn?! Und wer hat`s erfunden? Der Satan! Dieses Mal, beim zweiten Teil der göttlich-satanischen Wette auf die Frömmigkeit Hiobs, wird er sogar ausdrücklich als Handanleger erwähnt: Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. Und auch das markiert einen der Unterschiede zwischen zwei Szenen, die wortwörtlich gleich beginnen.
Denn wenn Sie vorhin beim Verlesen unseres heutigen Predigttextes eine Art akustisches Dejavu-Erlebnis zu haben glaubten, dann hatten sie recht. Die drei Verse aus Szene 2 sind nämlich fast identisch mit den ersten drei Versen aus Szene 4: Selber Ort (der Thronsaal Gottes im Himmel), selbes Setting (die himmlische Ratsversammlung), selbes Personal (die „Gottessöhne“, der Satan und Gott), selber Anlass (die Probe von Hiobs Frömmigkeit). Umso aufmerksamer muss dann Leser und Hörerin auf das reagieren, was sich unterscheidet.
Der Satan muss also nachbessern, er hat etwas von seiner diabolischen Selbstsicherheit verloren, weil er Hiob offenbar unterschätzt hat und die Vernichtung dessen Besitzes ihm nur suboptimal in die teuflischen Karten spielte. Besondere Flexibilität und Kreativität kann man dem Satan aber immer noch nicht vorwerfen: Denn er hält an seiner Methode fest, nur dass er sie verschärft:
„Haut um Haut! Die eigene Haut zu retten, ist deinem Hiob doch bestimmt wichtiger als der Verlust seines Vermögens und seiner Kinder. Die Haut ist ja die letzte Grenze zum Ego. Und wenn du, Gott, ihm an die Haut gehst, geht ihm das unter die Haut und verletzt das, was ihn im Innersten zusammenhält. Triff einem Menschen in seinem Zentrum, pack ihn bei seinem Ego, und er wird sich von dir, Gott, lossagen. Top, diesmal gilt´s!“
Sie merken: Erbat sich der Satan beim ersten Mal, selbst Hand an Hiobs Besitz legen zu dürfen, soll beim zweiten Versuch Gott selbst tätig werden. Aber Gott will sich nicht zum Handlanger des Satan machen lassen. Gott hält an seinem Knecht Hiob fest. Hiob wird hier also zum zweiten Mal Knecht Gottes genannt. Das ist übrigens der höchste Würdetitel, der einem Menschen im Alten Testament verliehen werden kann: Knecht Gottes werden sonst nur Abraham, Mose, David und die Propheten genannt – allesamt bedeutende Angehörige des auserwählten Volkes. Hiob ist der einzige Nicht-Israelit in dieser Reihe. Schon hier werden also etwas versteckt aber doch implizit nationale Grenzen überschritten, die dann in der Nachfolge Jesu völlig fallen werden.

Nun darf der Satan also mit göttlicher Gestattung ganze Arbeit leisten, er darf Hiob alles nehmen bis auf sein nacktes Leben. Und wie hören wir es bei jedem Geburtstag gefühlte hunderte Male, als wichtigsten Wunsch? „Gesundheit, die ist doch das Wichtigste!“ Und so nimmt der Satan Hiob das Wichtigste, die Gesundheit. Hiob wird mit Krankheit geschlagen, von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel, wie es heißt, angefangen also am unwichtigeren Körperteil bis hin zum Wichtigsten: die alte Formulierung wird sozusagen auf den Kopf gestellt (von der Sohle bis zum Scheitel) und damit von einer nicht zu überbietenden Vollständigkeit gesprochen. Und dann hat sich der Satan in der „WHO – Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ infamerweise keine organischen Beschwerden, keine Herz-Kreislauf-Geschichten oder Wahrnehmungsstörungen ausgesucht, sondern etwas, das nicht nur wehtut, wenn das Ich mit der Umwelt in Berührung kommt, sondern zu allem Übel auch noch für alle anderen Ichs in Hiobs Umwelt deutlich sichtbar ist.Böse Schwären heißt es bei Luther 1545, in anderen Übersetzungen sind die Geschwüre auf der Haut schon mal bösartig oder eitern. Was das nun medizinisch gewesen sein mag, ist ebensowenig zu diagnostizieren, wie es für uns relevant ist. In biblischen Zeiten standen Hautgeschwüre immer unter dem Generalverdacht einer ansteckenden Krankheit und führten damit zum Ausschluss des davon Befallenen aus der Gemeinschaft der Lebenden. Die Kranken wurden buchstäblich wie Hiob „ausgesetzt“, und mussten, bis zur Heilung oder dem eher wahrscheinlichen Tod, ihr Leben als Aussätzige auf dem Müllhaufen vor den Türen aller menschlichen Behausungen fristen.
Dass dies aber nicht nur eine sozial unbarmherzige Seite hatte, hören wir bei Hiob. Er sitzt in der Asche und schabt sich mit einer Scherbe: In einer Situation, in der für ihn das Tragen eines Kleidungsstück unerträgliche Schmerzen bedeuten würde, kleidet ihn das Schwarz der Asche, mildert ihm diese Art antiseptisches Puderkleid ein wenig seine Schmerzen und schützt ihn vor der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht. Und die auswuchernden Geschwüre kratzt er sich vom Leibe, nicht mit den ja auch betroffenen Händen, sondern mit einer Tonscherbe, die ihm kein Glück aber ein wenig Erleichterung im Unglück bringt, und die ja wie er auch mal bessere Zeiten gekannt haben mag. Hiob sitzt also in seinem Elend, und spottet jeder Beschreibung dessen, was einmal ein Mensch gewesen war.

„Und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!“ So wird dann gerne der folgende Auftritt von Hiobs Frau eingeleitet. Aber Hiobs Frau, die wie Hiobs Kinder namenlos bleibt, wird damit gründlich missverstanden. Sie ist nicht das weitere Übel, das zu allem Überfluss noch bei Hiob auftaucht. Sie ist doch selbst Opfer: Sie ist ja nicht nur nicht mehr die Gattin eines Multimilliardärs, wie ihr Mann Hiob hat sie ja auch mit einem schrecklichen Schlag zehn Kinder verloren. Dass sie das verzweifeln lässt und zumindest verbittert hat, ist bestimmt kein wunder und von uns allen gut nachzuvollziehen.
Und der Rat, den sie ihrem nun auch noch mit Krankheit geschlagenen Mann gibt, ist wohl eher gutgemeint: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb! Ich gebe zu, das hört sich wie O-Ton Satan an. Aber dahinter steckt kein Zynismus, sondern echtes Mitleid. Hiobs Frau fordert ihn zu einer Art assistierten Suizid auf. Denn in 3. Mose 24, 14-16 können wir lesen: Führe den Flucher hinaus vor das Lager und lass alle, die es gehört haben, ihre Hände auf sein Haupt legen und lass die ganze Gemeinde ihn steinigen und sage zu den Israeliten: Wer seinem Gott flucht, der soll seine Schuld tragen. Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Ob Fremdling oder Einheimischer, wer den Namen lästert, soll sterben.
Wenn Hiob also auf sie hören und Gott fluchen würde, müssten ihn die anderen steinigen. Er würde damit seinem Leid entfliehen und endlich sterben dürfen, ohne selbst Hand an sich legen zu müssen. Es ist so etwas, wie die barmherzige Sicht auf die Reaktion, die Satan bei Hiob provozieren wollte. Und deshalb beschimpft Hiob auch gar nicht seine Frau: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Er sagt ja eben nicht, wie das immer gerne missverstanden und herausgelesen wird: „Frau, du bist ein dumme Ziege!“ Nein, er sagt lediglich: „Du meckerst wie eine!“
Hiob mag zwar alles verloren haben, was bisher sein Leben ausmachte, seine Weisheit aber und seine eng damit verknüpfte Frömmigkeit behält er bei sich und widersteht damit der gutgemeinten Versuchung durch seine Frau: Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

Und mit dieser rhetorischen Frage erweitert der Leidende auf dem Tiefpunkt seiner Existent noch einmal den Horizont seiner Gotteserkenntnis. Hiobs Bild von Gott wird durch das Leid sozusagen komplexer; und auch das ist etwas, was wir bis heute erleben können. War bis zu diesem Augenblick Hiobs Gott nur für das Gute zuständig, das er Menschen schenkt und verleiht, und ihnen auch wieder nehmen und von ihnen zurückfordern kann, so ist Gott für ihn nun auch derjenige, der ihm das Böse auferlegen kann. Und auch, selbst das haben wir von ihm anzunehmen und zu tragen, zu er-tragen.
Und wieder, der Satan dürfte sich nur noch in seinen eigenen Hintern beißen: kein Wort vom diabolischen Menschenverächter und satanischen Quertreiber in seinem Mund. Hiob bleibt fixiert wie zentriert auf Gott. Selbst das Böse, das er am eigenen Leibe erfährt, spricht für ihn nicht gegen Gott. Für Hiob ist vielleicht nicht der Verursacher aber doch die Ursache des Bösen klar: Sie liegt bei Gott. Und die Annahme des Bösen aus Gottes Hand ist der erste Schritt, das Böse zu verarbeiten.

Und nun endlich, endlich schlägt die Stunde der Freunde! Und damit auch die Stunde von Hans Schmandts drittem Holzschnitt. So wie auch bei seinem zweiten Bild nur zwei von vier Hiobsbotschaftern ihren Auftritt haben und zu sehen sind, so haben wir wohl auch heute nur zwei von insgesamt vier Freunden vor Augen – wobei der vierte und mit Abstand jüngste Freund, Elihu, erst dreißig Kapitel später dazukommen wird.
Sie merken: Ich gehe wie selbstverständlich davon aus, dass auch in dem dritten Holzschnitt Hiob derjenige ist, der die rechte Seite des Bildes einnimmt. Zugegeben: So eindeutig hat das aber Hans Schmandt nicht in Holz geschnitten, es könnten auch nur die drei Freunde sein, die Hiob quasi gegenübersitzen. Auf jeden Fall fällt die in sich verschlungene Einigkeit und optische Harmonie der drei Freunde auf, die drei von der Müllhalde sozusagen: Ein Freund, ein guter Freund / Das ist das Beste, was es gibt auf der Welt / Ein Freund bleibt immer Freund / Und wenn die ganze Welt zusammenfällt.
Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama, ferne, aber gute Freunde haben also vom Unglück ihres ziemlich besten Freundes Hiob gehört und suchen nicht das Weite, sondern seine Nähe. Sie reagieren nicht allergisch auf das Leid, sie schließen den Leidenden nicht aus ihrer Mitte aus. Sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.
Sie sitzen also mit ihm in der Tinte; sie ertragen mit ihrem Freund die Aussichtslosigkeit; sie solidarisieren sich mit der aschegeschwärzten, geschwürüberzogenen Gestalt, in der sie kaum noch ihren Freund wiedererkennen können – und sie harren bei ihm aus. Sieben Tage und sieben Nächte: was für ein Freundschaftsdienst! Sieben Tage und sieben Nächte gemeinsames Schweigen: Kein falsches Wort zur falschen Zeit; kein platter Versuch, etwas schön zu reden, was einfach nur schrecklich ist; kein hilfloser Trost für den hilfesuchenden Trostlosen. Einfach nur dasein, eine ganze, eine volle Woche lang. Für mich sind die Freunde in dieser stillen Solidarität drei fraglos beredte Ausrufungszeichen für Empathie und tragfähige Freundschaft, Vorbilder auch für unseren Umgang mit dem Leid von anderen.

Das Schweigen bricht dann erst der bisher stumme Leidende. Hiob erhebt dann sein Wort. Und fast, als würde er das selber nicht mehr glauben, was er zuvor gesagt hat, wird er im nächsten Kapitel des Hiobbuches seine aufgestaute Enttäuschung, seine Wut und Zweifel, seine unbeantworteten Fragen und tief in ihm nagenden Schmerzen gen Himmel werfen. Nein, er flucht Gott immer noch nicht, aber er verflucht seine eigene Existenz. Derjenige, der bis ins hinterletzte an Gott festgehalten hat, hält Gott vor, wie es ihm nun geht. Er kann ihn nicht mehr verstehen. Und er ringt sich zu einer unglaublich frommen Gottlosigkeit durch: Gott soll sich gefälligst rechtfertigen für das, was er ihm geschickt hat. Das ist doch das mindeste!
Hiob lässt also auf dem Scherbenhaufen Gott sein Schicksal geklagt sein. Aber Hiob landet dann – Gott sei Dank! – nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte. Anders als über andere Beklagenswerte wächst über Hiobs Schicksal kein Gras. Anders als bei vielen anderen ist der Rest eben nicht Schweigen; Hiob wird einer Antwort Gottes gewürdigt. Und am Horizont erscheint ein neuer Hügel; einer, der wieder außerhalb der Stadt liegt; einer, auf dem Menschen Menschen entsorgen; einer, wo die landen, denen man das weitere Lebensrecht mit den anderen abspricht und sie dort tötet: Im Namen des Kaisers, des Volkes, des Recht. Es ist der Hügel, auf dem dann Gott selbst zugrunde gehen wird und erleidet, was es heißt, Mensch zu sein und ohne eine Antwort in Sicht fragen zu müssen: „Mein Gott! Warum?“ Aber, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Fortsetzung folgt – am Karfreitag. Amen.


Gottes Werk und unser Beitrag – Das Kreuz Jesu Christi – Hebräer 12,1-3

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Liebe Gemeinde,
bitte machen Sie sich frei! Geben Sie doch ihre Sorgen endlich mal an der Garderobe ab. Lassen Sie hinter sich, was Sie quält. Bitte machen Sie sich frei, legen sie all das ab, was Sie in ihrer Beweglichkeit hindert: Den dicken Mantel der Ignoranz, die High Heels des Wohlstands, den Blaumann des Neids und das Cocktailkleid der Einbildung. Bitte machen Sie sich frei, und gehen Sie Ihren Unvollkommenheiten an die Wäsche. Bitte machen Sie sich frei, damit sie nichts mehr hindert. Legen Sie endlich ab – all den Ballast, der nur belastet, all den unnötigen Kram, den Sie zu brauchen glauben, der Sie aber doch nur bindet und fesselt. Bitte machen Sie sich frei, seien Sie doch so frei, endlich frei zu sein!

Machen Sie sich frei, und Sie werden sehen, wie wunderbar Sie nun voran kommen: So frei, so unbeschwert, so leicht wie eine Feder. Bitte machen Sie sich frei! Ach ja, aber machen Sie bitte nicht den einen Fehler: Schauen Sie nicht an sich herab; denn dann könnte Sie die Erkenntnis überfallen, dass Ihre tolle, neugewonnene Freiheit Sie mit einem Mal völlig nackt und bloß dastehen lässt. Und was glauben Sie, wie schnell sie dann wieder all das auf sich nehmen werden, was Sie vorher abgelegt haben!

Sie haben es im Ohr: für den Schreiber des Hebräerbriefes ist der Lauf eines antiken Athleten in der Kampfbahn ein vielsagendes Bild, ein gelungenes Gleichnis für die Existenz eines Christenmenschen. Wie wir wissen, legten ja die antiken Leistungssportler beim Wettkampf in der Tat alles ab, was sie belastete: Sie liefen so wie Gott sie geschaffen bzw. was das intensive Training aus ihren Körpern gemacht hatte: Sie liefen nackt!
Undenkbar für uns heute: Biathletinnen, die aussehen, als kämen sie gerade aus der finnischen Sauna, Sportler aus Diktaturen mit einem Hang zur Freizügigkeit, splitterfasernackte Fußballer. Das mag für manche unter uns zwar eine reizvolle Vorstellung sein, wirtschaftlich ist das aber eine Katastrophe: Denn wo und wie bitte, so frage ich, sollen da die Sportler ihre Sponsoren spazieren führen? Der heutige Sportler legt ja zum unbeschwerten Lauf eben nicht mehr ab, er legt vielmehr an und zwar vom Scheitel bis zur Sohle, um auch nach seiner Sportkarriere ein unbeschwertes Leben führen zu können.
Nun, wer nackt ist, der mag zwar ein wenig unbeschwerter sein als diejenigen, die in ihrem Korsett von Konventionen oder im Kettenhemd der Unantastbarkeit stecken: der macht sich aber auch auf eine extreme Art und Weise angreifbar. Reduziert auf das, was er ist, ohne etwas, was bedeckt, verdeckt oder ablenkt von einem körperlichen Makel, liegt alles offen, freier Eintritt in die Seele inbegriffen.
Und unser Predigttext fordert von uns offenbar genau eine solche Offenheit, der Hebräerbrief will uns offensichtlich genau so unbeschwert durchs Leben laufen sehen, in aller Nacktheit, in aller Angreifbarkeit, ja, und in aller Schwäche.
Als Jesus vor knapp zweitausend Jahren in Jerusalem einzog, da legten die Menschen an seinem Weg ab: Sie platzierten ihre Kleider auf seinen Weg, damit Er, der lang ersehnte König, Er, der seit Generationen erhoffte Messias, nicht auf der staubigen Straße reiten musste. Mit vielstimmigen „Hosianna“ begrüßten sie den, der da auf dem Esel in ihre Stadt einzog. Aber wohl kaum, dass er vorüber war, ist ihnen ein kalter Hauch den Rücken hochgeklettert: Wie konnte es sein, dass sie sich gerade eben so entblößt und auch nicht entblödet hatten. Vielleicht schämten sie sich mit einem Mal vor den Nachbarn, die die Szene aus dem Fenster beobachtet hatten. Ganz bestimmt haben sie aber ganz schnell ihre Kleider zusammengesucht und den Staub von ihnen geschüttelt. Und sie waren alle bestimmt wieder richtig gut angezogen, als sie nur wenig später im Hof des Statthalters Pilatus nicht mehr „Hosianna“ sondern „Kreuzige ihn“ gerufen haben. Nur da war dann der, dem sie vorher zugejubelt hatten, nicht mehr so frei, sondern gefesselt, gefoltert – und nackt.

Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert. Dieser Aufforderung nachzukommen, ist alles andere als einfach. Wer all das Belastende als Panzer nicht mehr um sich hat, ist der feindlichen Umwelt nackt und bloß und schutzlos ausgeliefert; der steht mit seiner vollen eigenen Existenz ohne die Deckung durch andere Existenzen da. Und ganz realistisch redet der Hebräerbrief ja auch nicht davon, dass der unbeschwerte Lauf des Christenmenschen ein Zuckerschlecken sei. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist. Es geht also gar nicht darum beschwerdefrei auf der eigenen Laufbahn zu laufen, durch die Botanik des Garten Edens zu joggen oder bei angenehmen Außentemperaturen zu nordicwalken; nein, unser Laufen ist ein Kampf. Also: Wer sein Innerstes nach außen kehrt, wer die nackte Wahrheit liebt, wer aus seinem Herzen keine Mördergrube machen will und bei dessen Glaube täglich „Tag der offenen Tür“ herrscht, der könnte eben eines Tages auch so nackt und wehrlos am Kreuz hängen wie Jesus.
Der kämpferisch-nackte Lauf des Glaubens hat immer den Todeskampf des nackten Gekreuzigten vor Augen. Das ist eben der blanke Realismus des Karfreitags. Christsein heißt nicht die Hände in den Schoß legen und warten, dass uns alles in denselben fällt; Christsein heißt immer auch: laufen, kämpfen und die Kreuze dieser Welt sehen, sie nicht umgehen, sondern sie mittragen.
Das Leben ist ein Kampf und auch der Glaube ist ein Kampf, und beides, das umkämpfte Leben wie der gekämpfte Glauben stehen oft im Widerspruch zu unserem Harmoniebedürfnis. Das Mäntelchen von Friede, Freude und Eierkuchen decken wir gerne über die schonungslose Nacktheit unserer Daseins- und Glaubenskämpfe. Und verschleiern damit nur die nackten Tatsachen: Zum Kämpfen gehört eben Mut; und zuallererst gehört dazu, sich selbst einzugestehen, dass man in Wahrheit eigentlich nackt ist: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. (Hiob 1,21) so drückte das Hiob Jahrhunderte vor Jesus aus.
In einer Welt der Angezogenen ist diese Erkenntnis aber ungezogen, und sie erregt Anstoß und Widerspruch. Der Kampf des Glaubens bedeutet deshalb oft, gegen den Strom schwimmen zu müssen. Glauben heißt: Anrennen und Anlaufnehmen gegen den Widerspruch und die Hindernisse, die einem in den Weg gelegt werden. Und wer diesen Kampf tatsächlich bestehen und siegreich beenden will, der braucht Orientierung, der braucht sozusagen „Vor-läufer“, denen er nach-laufen kann; der braucht auch Einen, der diesen Lauf angefangen und schon vollendet hat. Zu ihm kann er dann aufsehen, ihm kann er dann folgen, an ihm kann er sich orientieren. Aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, so nennt der Hebräerbrief diesen Wegweiser auf dem Weg des Glaubenskampfes.

So ziemlich das einzige, was in unserer Waldkapelle im wahrsten Sinne des Wortes „Aufsehen“ erregen kann, ist ja wohl unser Kruzifix an der Wand hinter dem Altar. In einem Kirchenraum, der an keiner Stelle höher als 3 Meter 20 ist, in einer Kirche, die keine Kanzel auf drei Meter Höhe, keine Orgel sieben Meter über dem Erdboden und erst recht keinen Hochaltar kennt, ist ein Gekreuzigter, dessen Füße auf Augenhöhe hängen, in der Tat das „Höchste“ der Gefühle: Und es ist das einzige, das einen jeden und eine jede auffordert, vom jeweiligen Platz zumindest ein wenig aufzusehen.
Eine andere Form von „Aufsehen“ erregte unser Kruzifix noch vor knapp 53 Jahren. Der Dietzenbacher Künstler Hans Schmandt war da von der gerade gegründeten Steinberger Martin-Luther-Gemeinde gebeten worden, einen Vorschlag für die Gestaltung von Altar, Kanzel und Ostfenster zu machen. In den Augen einer Mehrheit des damaligen Steinberger Kirchenvorstandes fand sein Entwurf und auch das von ihm extra für die Waldkapelle angefertigte Kruzifix aber keine Gnade – oder man hielt nur nicht für finanzierbar.
Wir schreiben dann den 2. November 1969. An diesem 22. Sonntag nach Trinitatis wurde die Waldkapelle nach einer längeren Umbauphase mit einem feierlichen Gottesdienst und der Festpredigt von Propst Ernst Dondorf eingeweiht: Zu der damaligen Erweiterung der einzigen Kirche im stets wachsenden Stadtteil im Dietzenbacher Norden gehörte nicht nur der komplette Altarraum mit Sakristei, sondern auch das gesamte Westschiff mit Küche, Toiletten, Kirchenstübchen und Keller. Unsere „Kapelle“ wurde damit eigentlich zu einer „richtigen“ Kirche. Damals hat sie die Größe und Aufteilung erhalten, die wir bis heute gewohnt sind. Und an diesem Tag, zu diesem Anlass schenkte dann Hans Schmandt – trotz des Gegenwindes aus dem Kirchenvorstand – der Gemeinde das hölzerne Kruzifix. Pfarrer Klaus Keller schreibt dazu in der Chronik:
Der Künstler Hans Schmandt schenkte der Gemeinde ein hölzernes Kruzifix in moderner Gestaltung. Aus welchen Gründen auch immer – es wurde von der oppositionellen Gruppe des Kirchenvorstandes abgelehnt. Es sei scheußlich, modern, unästhetisch und unpassend anzusehen – so das Argument. Um des „lieben Friedens willen“ wurde das Kreuz in die Ecke gestellt. Sicherlich keine Freude für den Spender. Stattdessen steht das Bronzekreuz auf dem Altar, das ein wenig an Kriegsgräber-Gedenkstätten erinnert.
Als kleine Reminiszenz an „Damals“ steht übrigens dieses letztgenannte Kreuz heute auf unserem Altar.

Es hat eine Weile und wohl auch viel Diplomatie von Seiten Pfarrer Kellers gebraucht, bis das Kruzifix dann an zwei Ketten über den Altar gehängt wurde. Dort hatte es auch nicht immer eine bleibende Stadt, denn bei Krippenspielen und Kirchenchorauftritten (da störte es den Blick zu Regisseur oder Dirigent) und auch wenn unsere katholischen Geschwister ihre Messe feierten (da versperrte es dem Priester, der hinter dem Altar stand, den Blick zur Gemeinde), wurde es abgehängt. Als dann dreißig Jahre später 1998/1999 die Waldkapelle komplett runderneuert wurde, war es aber wohl keine große Diskussion mehr: Auch wenn im Innenraum der Waldkapelle so gut wie nichts mehr war wie bisher – das Kruzifix von Hans Schmandt sollte bleiben und bekam nun seinen festen Platz an der neuen weißen Wand hinter dem neuen Altar.Doch allgemeine Akzeptanz und ein fester Platz sind ja auch nicht ungefährlich. Denn wenn etwas nämlich mit einem Mal zum Inventar gehört, erregt es auch kein wirkliches Auf-sehen mehr, wird vielleicht sogar leicht über-sehen, weil es ja zur Tradition gehört, an die man sich inzwischen gewöhnt hat. Gewohnheit ist der größte Feind jeder Bewegung.
Vor gut 50 Jahren war das noch anders: das Kreuz erregte Anstoß und genau damit hat es eigentlich seine Funktion erfüllt. Ich kenne nämlich keine andere Bewegung in der Menschheitsgeschichte, die sich den Aufreger geleistet hat, das Instrument einer Todesstrafe in den Mittelpunkt zu stellen: die Französische Revolution lief mit der Trikolore um die Welt aber nicht mit einer goldenen Guillotine im Miniformat um den Hals. Und ich weiß auch von keiner Religion, die an einen Gott glaubt, der sich freiwillig dem Leiden aussetzt, sich von Menschen verspotten und töten lässt, ohne sich dagegen zu wehren. Wenn das nicht anstoß- wie aufsehen-erregend ist!

Und ich finde: Wenn man sich in unser Kruzifix vertieft, dann kann es in all seinen eigentümlichen Merkwürdigkeiten bis heute dem Denken Anstöße geben und dem Glauben eine deutliche Botschaft verkündigen. Man muss halt nur immer wieder neu darauf sehen! Zum Beispiel: Anders als die Kreuze, die wir kennen, besteht der Querbalken unseres Kruzifixes nicht aus einem einzigen Holz, sondern da sind zwei Bretter zu sehen, links und rechts versetzt, am Kreuzesstamm befestigt. Das Kreuz besteht also nicht wie üblich aus zwei, sondern aus drei Teilen.
Mit der Erweiterung von 1969 hatte aber ja auch in unserer Waldkapelle zum ersten Mal der Kirchenraum den Grundriss eines Kreuzes bekommen, so wie wir das auch von vielen anderen Kirchen kennen. Aber auch der Waldkapellen-Grundriss ist alles andere als ebenmäßig, sondern eher „Stückwerk“.
Unsere Waldkapelle ist nämlich in drei Bauphasen zu dem geworden, was sie heute ist: 1948 entstand der rechteckige Fachwerkbau, unser heutiges Mittelschiff, der Kreuzesstamm sozusagen. Dann zehn Jahr später fand die Osterweiterung statt, der rechte Kreuzbalken also; und dann wurde 1968/69 Richtung Westen angebaut, die Grundfläche der Waldkapelle verdoppelt, quasi der linke Balken.
Und wenn wir auf den Körper des Gekreuzigten schauen, dann erkennen wir, dass dieser kaum vom Längsbalken abgehoben ist. Der Korpus verschwindet sozusagen in der Vertikale. Ganz anders aber ist es bei Jesu Gliedmaßen: Beine und Arme, Hände und Füße – sie sprengen in ihren Proportionen regelrecht unsere gewohnten Kreuzes-Ansichten. Da hängt kein wohlgenährter „Fresser und Weinsäufer“, als den die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus gerne diffamierten, dort leidet ein ausgezehrter Mensch, dessen lange, einladender Arme und Beine das Kreuz weit überragen würden, wenn sie nicht durch drei Nägel fixiert wären. Die Beine könnten den Weg zu jedem Menschen auf dieser Erde finden, die Arme könnten die ganze Welt umarmen, wenn man sie denn ließe.

Das für mich Eindrücklichste aber ist der Kopf Jesu. Eine solche Kopfhaltung habe ich noch nie bei einer anderen Darstellung des Gekreuzigten gesehen. Ja, Sie mögen Recht haben: die Haltung ist anatomisch unmöglich. Aber der Kopf kann nur dadurch auf einer Linie, parallel zu den Querbalken des Kreuzes liegen. Also nicht nur in seinen drei Holzschnitten zum Buch Hiob, auch in seinem Kruzifix betont Hans Schmandt das Irdische, die Horizontale. Dem Gekreuzigten geht es damit also um uns. Seine Augen könnten, gerade weil sie nicht wirklich zu sehen sind, überall hinschauen und jeden wie jede meinen: das Gemeindeglied, die Konfirmandin, den Täufling, den Pfarrer und nicht zuletzt auch Gott.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?, tönt es vom Kreuz herab in den Himmel hinauf, vor aller Augen und Ohren, und doch von allen ignoriert. Auch Hiob hatte ja um eine Antwort Gottes auf sein Leiden gerungen und nach dem Sinn gefragt, der hinter seinem Leid stecken mochte. Anders als Jesus hat er sich aber nicht in den alten Worten des 22. Psalms bergen können; seine Fragen hatten noch keine biblische Vorlage, seine Worte an Gott waren bisher ungehört, als er sie auf seinem Asche- und Scherbenhaufen aussprach.

Ja, und seine Fragen blieben dann wohl auch unerhört, so wie auch Jesus sterben musste, bevor er eine Antwort auf sein Warum bekam. Gott spricht im Buch Hiob zwar 36 Kapitel nach den Hiobsbotschaften und dem Ausbruch der schrecklichen Krankheit mit Hiob. Aber die göttliche Botschaft lautet so radikal wie ehrlich: „Hiob, du kannst das alles gar nicht verstehen; dein Gott wird dir für immer ein Geheimnis bleiben; das alles ist für einen Mensch von mittelmäßigem Verstand mindestens eine Nummer zu groß!“
Unbefriedigend? Nunja. Ich frage: Hätte Gott ihm sein Leid etwa damit begründen sollen, dass er gerade eine Wette mit dem Satan am Laufen habe und er deshalb leiden müsse, damit er den Satan in die Schranken weisen und gegen ihn diese Wette gewinnen könne? Hätte Gott ihm antworten sollen, dass er, weil er so schön mitgespielt habe, alles, was er verloren hat, nun doppelt und dreifach zurück erstattet bekomme, allerdings natürlich „aus Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“?
Ich denke, spätestens dann wäre für Hiob in der Tat der richtige Zeitpunkt gewesen, seine Frömmigkeit an den Nagel zu hängen und den lieben Gott einen ganz schlimmen Finger und unbarmherzigen Zyniker sein zu lassen.
Und hätte es Jesus am Kreuz geholfen, zu hören, dass er da hänge, weil das eben von Anfang an der Plan war, oder weil die Hohenpriester ihm den Erfolg bei den Massen neideten, oder König Herodes eine schlaflose Nacht hinter sich hatte und Pilatus sich um die Ruhe im Lande sorgte?
Will ein Leidender wirklich die nackte Wahrheit wissen, warum er leidet? Gibt es überhaupt nur eine Wahrheit des Warum? Gibt es nur einen Sinn? Gibt es überhaupt einen Sinn?
Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2, 10). So sagte Hiob zu seiner Frau – ganz unten, als es für ihn nicht mehr weiter abwärts gehen konnte. Und er setzt damit Gut und Böse, Glück und Unglück in Beziehung, und auch in eine Beziehung zu Gott. Beim Glück fragen sich wohl nur die wenigsten von uns, womit sie das verdient haben. Wir nehmen das Glück fraglos wie selbstverständlich an; im Hochgefühl des Glücks suchen wir nicht nach dem tiefen Sinn, der dahinterstecken könnte. Oder haben sie schon mal gehört, dass das Glück den Sinn haben könnte, dass einem das Unglück dann noch mehr wehtut. Umgekehrt wird für viele von uns schon eher ein Schuh daraus! Als ob die Erfahrung des Unglücks dafür sorgen würde, das Glück zu vertiefen und es bekömmlicher zu machen, damit es uns noch besser schmeckt.
Ich frage: Soll denn der Krebstod einer Mutter von zwei kleinen Kinder wirklich Sinn machen? Sollen die Kriegsverbrechen an den Ukrainern wirklich für etwas gut sein? Gibt es einen einzigen guten Grund für all das Leid in dieser Welt? Glück und Unglück mögen ja immer sinnlich sein, wir nehmen sie ja wahr, wenn wir sie hören, riechen, schmecken, sehen und spüren. Aber ob sie immer sinnvoll sind, bezweifle ich. Mancher Unsinn geht doch so tief und so weit, dass er nur in seiner Sinnlosigkeit einen Sinn macht.

Ich denke, wir sollten als Sinnsucher im Unglück wie im Glück höchst vorsichtig sein. Ich weiß, wir können wohl nicht anders, als nach Sinn zu fragen und auf uns befriedigende wie unsere Fragen befriedende Antworten hoffen. Und seit Hiobs Scherbenhaufen und der Kreuzigung Jesu auf dem Hügel Golgatha wissen wir uns damit in der bestmöglichen Gesellschaft. Aber wir stehen damit auch in der Gemeinschaft derer, die ohne Antwort, die ohne von einem Sinn zu wissen – und von daher sinnlos – sterben müssen.
Das einzige aber, was uns davor bleibt, ist eben davor stehen zu bleiben und aufzusehen zu dem Haupt voll Blut und Wunden, zu dem, der bis zuletzt bei uns bleibt. Unser Glück auszukosten, wenn es uns denn widerfährt, ohne es mit einem schlechten Gewissen zu bezahlen; und im Unglück und Bösen aufzusehen zu Jesus, um uns von ihm in der Enge unserer Ängste den Horizont weiten zu lassen; und dann nicht das Weite zu suchen, sondern auszuhalten und zu kämpfen, denn wir wollen uns in unserem Suchen doch nicht abfinden lassen.
Und nicht zuletzt: Wir müssen geduldig sein! Weil Gott sich am ersten Karfreitag auch neben Hiob wie ein guter Freund gesetzt hat, weil es Gott ist, der wie wir stirbt, dürfen wir darauf vertrauen: Selbst der Tod kann es nicht verhindern – es wird immer weitergehen. Fortsetzung folgt. Amen.


Predigten vom 22. März bis 28. Juni 2020 zum Download (mp3-Format):

Predigt am Dritten Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020 zum Download (ca. 24 MB – 16 Min.)
Predigt am Zweiten Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2020 zum Download (ca. 32 MB – 21 Min.)
Predigt am Ersten Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020 zum Download (ca. 27 MB – 19 Min.)
Predigt am Sonntag “Trinitatis”, 7. Juni 2020 zum Download (ca. 28 MB – 19 Min.)
Predigt am Pfingstmontag, 1. Juni 2020 zum Download (ca. 22 MB – 15 Min.)
Predigt am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020 zum Download (ca. 31 MB – 21 Min.)
Predigt am Sonntag “Exaudi”, 24. Mai 2020 zum Download (ca. 29 MB – 20 Min.)
Predigt am Sonntag “Rogate”, 17. Mai 2020 zum Download (ca. 31 MB – 20 Min.)
Predigt am Sonntag “Kantate”, 10. Mai 2020 zum Download (ca. 31 MB – 20 Min.)
Predigt am Sonntag “Jubilate”, 3. Mai 2020 zum Download (ca. 25 MB – 16 Min.)
Gottesdienst zum Sonntag “Misericordias Domini”, 19. April 2020 zum Download (ca. 48 MB – 34 Min.)
Gottesdienst zum Sonntag “Quasimodogeniti”, 19. April 2020 zum Download (ca. 45 MB – 32 Min.)
Oster-Medley auf dem Klavier von Oliver Pellmann (Download – 10 MB)
Gottesdienst zum Ostersonntag, 12. April zum Download (ca. 56 MB – 41 Min.)
Gottesdienst zum Karfreitag, 10. April zum Download (ca. 53 MB – 43 Min.)
Gottesdienst zum Palmsonntag, 5. April zum Download (ca. 48 MB – 35 Min.)
Gottesdienst zum Sonntag “Judika”, 29. März 2020 zum Download (ca. 45 MB – 32 Min.)
Gottesdienst zum Sonntag “Laetare”, 22. März 2020 zum Download (ca. 48 MB – 34 Min.)

Total Page Visits: 1147 - Today Page Visits: 3